Die griechischen Naturphilosophen
Um 600 vor Christus suchen Naturphilosophen zum ersten Mal nach vernünftigen Erklärungen für die Welt. Sie wollen sich nicht auf Götter, auf Mythen verlassen. Sie wollen mit ihrem Verstand die Welt erklären.
Die Wiege der Philosophie.
Thales von Milet behauptet: Das Prinzip aller Dinge ist das Wasser; aus Wasser ist alles, und ins Wasser kehrt alles zurück.
Anaximander, wahrscheinlich ein Schüler des Thales, beschäftigt dieselbe Frage nach dem Ursprung allen Seins, nach der ἀρχή, nach dem Beginn. Er meint: Nicht das Wasser, sondern das unbestimmte ἄπειρον, das Unbegrenzte, das Unermessliche ist der Ursprung allen Seins.
Heraklit, auch um diese Zeit, prägt den Satz: πάντα ῥεῖ Alles fließt. Alles verändert sich. Evolution, so nennt man das heutzutage, ist das Prinzip der Natur und das Feuer ist der Ursprung.
Dann gibt es noch den Anaximenes: In seinem Werk Über die Natur sieht er die Luft als Urstoff an. Aus der Luft entsteht alles: durch Verdichtung Wasser und Gestein, durch Verdünnung Feuer. Auch das Göttliche kommt entweder aus der Luft oder ist die Luft.
Schlussendlich hat Empedokles die 4-Elemente-Lehre proklamiert: Wasser, Erde, Luft und Feuer .. das sind die fundamentalen Grundpfeiler, aus denen die Natur besteht.
Die Naturphilosophen, man nennt sie auch die Vorsokratiker.
Dann sind Jahrtausende ins Land gekommen.
‚Wasser, Erde, Luft und Feuer‘ .. viel mehr als nur Begriffe. Zu jedem hat sich eine Unmenge an Wissen angesammelt. Und manche haben sich gefragt: Was verbindet? Was ist allen gemeinsam?
Anna Rubin aus Göltschach bei Maria Rain in Kärnten trägt diese Frage schon als Kind in sich: Die Luft!!! Fliegen .. fliegen, ein tiefer Traum.
Anaximenes hätte mit ihr eine Freude gehabt.
Ausbildung an der Akademie der bildenden Künste in Wien. In ihrer Diplomarbeit beschäftigt sie sich mit dem Drachenbau. Ihre Diplomarbeit überzeugt: Drachenbau.
Ab 2003 ist sie freischaffende Drachenbauerin.
In seiner klassischen Form ist der Drache ja allen vier Elementen zugehörig:
Er kann schwimmen, er kann kriechen, er kann fliegen und Feuer speien.
Anna Rubin holt ihn aus dieser bisweilen auch gruseligen Ecke hervor und baut Drachen mit den langen hochelastischen und zugfesten Fasersträngen aus Bambus.
Sie ist eine begnadete Lehrerin, bringt mit ansteckender Freude die Arbeit mit den leichten Materialien in die Gruppen.
Vor sechs Jahren, mitten in der Corona-Zeit, hat Anna Rubin in unserer Kirche ihre erste Ausstellung, Mai bis Oktober 2020, aufgebaut. Das zuerst vorgesehene Thema ‚Mir ist so leicht‘ mussten wir, Covid sei Dank, umformulieren in ‚Mir wird so leicht‘. Aus dieser Zeit hängen bei uns in manchen Häusern noch federleichte Flügler oder Flüglerinnen.
Im Jahr darauf haben Mädchen und Buben wundersame Drachen gebastelt und auf der Pfarrbündt der Luft anvertraut.
Auch workshops für Papierfärben im Jahr 2023 erzählen von unserer Künstlerin. Mit den Firmlingen wird damit Christengemeinde aufgebaut.
Und jetzt ‚es liegt in der Luft‘.
Unsere Monstranz aus dem 19. Jahrhundert hat Anna inspiriert zur Idee, sie als luftiges Gebilde zwischen Himmel und Erde zu platzieren. Jetzt weist sie den Weg zur Orgel, der Königin der Instrumente. Und vorne im seitlichen Aufgang zum Altar eine sichtbare Erinnerung an die Kerubim. In der biblischen Tradition sind es mächtige, furchteinflößende himmlische Wächter und Träger des göttlichen Throns. Im Buch Genesis heißt es: Und er vertrieb den Menschen und ließ östlich vom Garten Eden die Kerubim sich lagern und die Flamme des zuckenden Schwerts, damit sie den Weg zum Baum des Lebens bewachten. Gen 3,24
Einmal betont Anna: „Dieser Moment, wenn der Drache die Erde verlässt und beginnt zu schweben, dann spürt man die Leichtigkeit mehr als wenn er ganz hoch oben fliegt. Ich glaub das hat schon mit dieser Sehnsucht zu tun, selbst fliegen zu können.“ Und damit sind wir wieder bei den Naturphilosophen, bei Anaximenes, der den Urstoff in der Luft vermutet hat.
Kunst in der Kirche .. bei uns eine schon recht lange Tradition: Neben der Musik, ‚jener Sprache, die wir sprechen und verstehen, jedoch zu übersetzen nicht imstande sind‘, so hat es einmal Eduard Hanslick beschrieben, neben der Musik haben wir auch die Sprache, die Literatur, gepflegt.
So möchte ich zum Schluss ein Prosagedicht von Pablo Neruda erinnern.
PABLO NERUDA
Eigentlich heißt er ja Ricardo Eliécer Neftalí Reyes Basoalto.
1904 in Parral geboren, die Mutter, VS-Lehrerin, stirbt an Tuberkulose, ihr Sohn ist einen Monat alt; Vater Lokführer; Pablo wächst bei seinem Großvater auf. 1971 Literatur-Nobelpreis „für eine Poesie, die mit der Wirkung einer Naturkraft Schicksal und Träume eines Kontinents lebendig macht“. 1973 in Santiago de Chile gestorben
Ode an die Luft
Auf einem Wege wandernd traf ich die Luft, ich grüßte sie und sprach zu ihr voll Ehrerbietung: „Ich freue mich, dass du einmal abgelegt hast deine Transparenz, so können wir miteinander sprechen.“
Die Unermüdliche tanzte, bewegte das Blattwerk, schüttelte mit ihrem Lachen von meinen Sohlen den Staub, und indem sie ihr ganzes blaues Takelwerk aufspannte, ihr gläsernes Skelett, die Augenlider von Zephir, blieb sie stehen, und, steif wie ein Mast, hörte sie mich an.
Ich küsste ihren himmlischen Herrschermantel, hüllte in ihre Fahne aus himmelblauer Seide mich ein und sprach zu ihr: Regentin oder Kamerad, Faden, Blütenkrone oder Vogel, ich weiß nicht, wer du bist, aber um etwas bitt ich dich, verkaufe dich nicht.
Das Wasser hat sich verkauft, und in den Rohren in der Wüste sah ich die Tropfen versiegen und die Welt der Armen, das Volk hinwandern mit seinem Durst wankend über den Sand. Ich sah das rationierte Licht der Nacht, das prächtige Licht im Haus der Reichen. Alles ist Morgenröte in den neuen hängenden Gärten, alles ist Dunkelheit in dem schrecklichen Schatten der engen Gasse. Von dorther naht die Rabenmutter Nacht mit einem Dolch in den Eulenaugen, und ein Schrei, ein Verbrechen, erhebt sich und erlischt, vom Dunkel verschlungen.
Nein, Luft, verkaufe dich nicht,
auf dass sie dich nicht kanalisieren, auf dass sie dich nicht in Leitungen zwängen, auf dass sie dich nicht in Kisten packen noch zusammenpressen, auf dass sie dich nicht zu Tabletten verarbeiten und in eine Flasche tun, gib acht!
Ruf mich zu Hilfe, wenn du mich brauchst, ich bin der Dichter: Sohn armer Leute, Vater, Onkel, Vetter, leiblicher Bruder der Armen, aller, meines Landes und der andern Länder, der Armen, die am Ufer des Flusses leben, und derer, die in den Höhen der steil abfallenden Kordillere Steine klopfen, Bretter nageln, Kleider nähen, Holz zerkleinern, Erde zermahlen.
Und darum will ich, dass sie atmen, du bist das Einzige, was sie haben, darum bist du transparent, damit sie sehen, was bringen wird der morgige Tag, darum bist du da, Luft,
lass dich atmen, lass dich nicht in Fesseln legen, traue keinem, der da in einem Auto naht, um dich zu untersuchen, lass dich nicht mit ihnen ein, lach über sie, reiß ihnen den Hut vom Kopf, willige nicht in ihre Vorschläge ein, lass uns beide tanzen rings um die Welt, des Apfelbaums Blüten herunterreißen, in die Fenster steigen, gemeinsam pfeifen, Melodien pfeifen von gestern und morgen, es wird kommen der Tag, an dem wir befreien werden Licht und Wasser, die Erde, den Menschen, und alles wird da sein für alle, wie du es bist.
Darum, pass auf, zu dieser Stunde! Und komm mit mir, wir haben noch viel zu tanzen und zu singen, gehen wir den Saum des Meeres entlang, hinauf in die Bergeshöhen, lass uns dort hingehn, wo der neue Frühling in Blüte steht, und mit einem Windstoß und Gesang lass uns die Blumen verteilen, den Duft, die Früchte, die Luft von morgen.
Pablo Neruda