In den Advent

Die Adventszeit ist vor der Tür. Die Straßen unserer Städte und Dörfer bereiten sich vor. Heute Morgen auf dem Weg in die Arbeit wurde die Straßenbeleuchtung in unserem Bezirk aufgehängt und die letzten Arbeiten für den Aufbau des Weihnachtsmarktes vollzogen. Die Adventkalender,

Weihnachtsmänner aus Schokolade und Weihnachtsgebäck liegen ja schon seit Wochen in den Supermärkten und an manchen Orten werden bald die »Hollywood« Weihnachtslieder erklingen. Ich war in den Gedanken schon fast bei Heiligabend angelangt als mich ein Bild stoppte.

Ein älterer Herr, unrasiert, mit langen, seit langem nicht gewaschenen Haaren und schmutzigen, zerrissenen Kleidern stand vor einem Mistkübel und sammelte nicht zu Ende gerauchte Zigarettenkippen. Hatte er was gefunden, stieg ein Lächeln über sein Gesicht und er steckte den Fund in die Taschen seiner Jacke. Die Menschen hasteten an diesem Morgen an ihm vorbei, wahrscheinlich wie jeden Tag dachte ich, mich eingeschlossen. Ein paar hundert Meter weiter überquerte ich im ersten Wiener Bezirk den Volksgarten. Auf einer der Bänke saß eine alte Frau mit einem Buch in der Hand und las. Warum liest jemand in einem öffentlichen Garten ein Buch bei einer Kälte von gerade mal vier Grad? Die Antwort findet sich neben der Dame. Zwei große Einkaufstaschen mit ihrem Hab und Gut stehen neben ihr! Wir leben in einer Zeit, in der immer mehr Menschen an den Rand gedrängt werden.

Angesichts der Tatsache, dass in Österreich 14,3 Prozent der Bevölkerung armutsgefährdet sind, veröffentlichte  die Armutskonferenz 10 Forderungen an die Regierung. Fast 25% aller Armuts-und Ausgrenzungs-gefährdeten sind Kinder.

Im Büro angekommen erinnerte ich mich an einem Satz von Dietrich Bonhoeffer:

»Jesus steht vor der Tür und klopft an, ganz in Wirklichkeit, er bittet dich in Gestalt des Bettlers, des verkommenen Menschenkindes in den verlumpten Kleidern um Hilfe, er tritt dir gegenüber in jedem Menschen, der dir begegnet.«

Das ist meine Perspektive für diesen Advent. Wir können die Welt nicht retten, aber unsere Welt ein Stück humaner machen allemal! 

Viola Raheb

 

Viola Raheb, evangelische Theologin, lebt und arbeitet in Wien, in Bethlehem geboren und aufgewachsen.

Mit ihrem Mann, dem Musiker Marwan Abado, ist sie immer wieder zu Gast bei uns in Fußach.