Segen


Altäre, Autos, Bräute, Brücken

Felder, Hälse, Häuser

Kerzen, Kinder, Palmzweige

Rosenkränze und Tote 

werden gesegnet. 

 

Gleichgeschlechtlichen Paaren aber wird der Segen verwehrt. Von wem? Von der vatikanischen Glaubenskongregation in Rom.  

 

Sie behauptet: Die katholische Kirche habe keine Vollmacht, Verbindungen von Menschen gleichen Geschlechts zu segnen. Die Kongregation sei aber aufrichtigen Willens, »homosexuelle Paare anzunehmen, sie zu begleiten und ihnen Wege des Glaubenswachstums anzubieten« (Kathpress-Tagesdienst Nr. 64, 15. März 2021!)

Weil aber die Verbindungen von homosexuellen Paaren nicht dem göttlichen Willen entsprechen, können diese Verbindungen nicht gesegnet werden. 

 

Der Bischof von Feldkirch teilt dazu mit, dass die Katholische Kirche Vorarlberg und er selber für eine Kirche einstehen, »in der alle Menschen unabhängig von ihrer sexuellen Orientierung einen Platz haben. Kirche ist Heimat für alle Menschen. Niemandem von uns steht es zu, über die Lebensform anderer zu urteilen« (Bischof Benno Elbs am 17. März 2021).

 

Göttlicher Wille. Gemäß Glaubenskongregation zeigt sich der göttliche Wille in der Verbindung zwischen Mann und Frau. Nur das unauflösliche Sakrament der Ehe entspricht dem göttlichen Willen. Passt diese Verbindung noch besser in den göttlichen Plan, wenn daraus Kinder entstehen? Schließlich sehen die römischen Würdenträger den Segen eventuell für einzelne Personen mit homosexuellen Neigungen vor, wenn sie willens sind, in Treue zu Gott zu leben. Wenn sie willens sind, in Treue zu Gott zu leben! 

 

Die Männer der Glaubenskongregation und das Oberhaupt der römisch-katholischen Kirche erkennen homosexuelle Verbindungen nicht an. Diese Lebensform beurteilen sie als unwürdig, um  gesegnet zu werden. Sie scheint dem göttlichen Willen zu widersprechen. Woher kennen die Würdenträger den göttlichen Willen? 

 

Das patriarchale Herrschaftssystem klammert sich an Lebensformen, die nicht mehr allgemeingültig sind. Konservative Kräfte versuchen, Homosexualität als mit der Bibel unvereinbar darzustellen. Dieses Argument ist falsch: Feministische Theologinnen weisen nach, dass es in der Bibel keinen einzigen Beleg gibt, aus dem in Bezug auf Homosexualität nach heutigem Verständnis etwas abgeleitet werden kann (vgl. Positionspapier 

IG Feministische Theologinnen der Schweiz und Liechtenstein). Trotzdem verweigert die Glaubenskongregation Paaren den Segen, weil sie gleichgeschlechtlich lieben. Werde ich es erleben, dass diese Herrschaftsverhältnisse zertrümmert vor uns liegen und Neues daraus wächst?

 

Ich, frauenliebend, 72 Jahre alt, Suchende und Betende, getauft, gefirmt und bisher nicht ausgetreten, erlebe die römische Botschaft als ausgrenzend, überheblich und geringschätzig. Sie löst in mir Gefühle aus, im verknorzten System der Kirche nicht aufgehoben zu sein. Das stimmt traurig, aber häufiger zornig. Damit bin ich nicht alleine. Tröstlich ist dieses Wissen dennoch nicht.   

 

Ich erinnere mich an das kirchliche Leben meiner Kindheit: Prozessionen zu den Feldern und an Fronleichnam durchs Dorf, der Geruch von Weihrauch, liturgische Gewänder von weiß über grün zu violett, Segensgebärden, Geräusche wie das Fallen der Erde auf den Sargdeckel und das »Lumen Christi« in der dunklen Dorfkirche. Diese Erfahrungen berührten meine Gefühle. Sie nährten meinen kindlichen Glauben. Das änderte sich mit der Beichte. Im Alter von acht Jahren mussten wir lernen, unsere Sünden zu bekennen. Schuld auf sich geladen zu haben, lässt Gefühle der Scham entstehen. Jahrelang kehrte ich unter anderem deswegen dem kirchlichen Leben den Rücken. Vor der Institution Kirche flüchtete ich, wo immer es möglich war. Erst nach langer, langer Zeit begann ich, begleitet von warmherzigen und aufgeklärten Menschen, an eine gütige und liebende Schöpferkraft zu glauben.   

 

Eine glaubwürdige Kirche grenzt niemanden aus. Versteckt sich nicht hinter schwammigen Formulierungen wie zum Beispiel »Glaubenswachstum«. Sie achtet und schützt die Würde jedes Menschen, ob hetero, homo, bi oder trans. Es gibt homosexuelle Paare, die sich ergänzend zum zivilrechtlichen Akt der Eheschließung nach dem kirchlichen Segen sehnen. Dieser ist ein Zeichen dafür, dass eine homosexuelle Lebensform allen andern Lebensmodellen ebenbürtig ist.       

 

Marlise Küng